Litauen literarisch- Zitate 2

Bei Lektüre dieses Absatzes bin ich mir so ignorant vorgekommen wie schon sehr lange nicht mehr. Abgesehen von Solschenizyn, Sacharow und Suzuki …… „Kaunas“ weckt irgendwelche schwachen Assoziationen, aber sonst bin ich völlig blank. Was zum Beispiel ein Samisdat-Foliant oder ein Gediminas-Pfeiler ist ….. Welch unglaubliche Wissenslücken sich da auftun. Dabei ist Litauen ein europäisches Land, in dem ich sogar schon einmal eine Woche verbracht habe.

JURGA IVANAUSKAITÉ

„(…) Sie lasen keinen Solschenizyn und auch keinen Brodsky . Sie konnten sich nicht recht vorstellen, womit sich Sacharow beschäftigte und was mit Thomas Venclova passiert war. Sie vermissten die Mystiker nicht, die in Form von dicken russischsprachigen Samisdat-Folianten in Vilnius kursierten: Alan Watts, Suzuki, Krishnamurti und Sri Aurobindo. Sie hatten nicht die leiseste Ahnung von der Chronik der katholischen Kirche. Sie hatten noch nie von Terleckas, Petlus oder Sadunaité gehört. Auch Vater Stanislovas in Paberzie hatten sie noch nie besucht. Sie dachten nicht daran, den 16.Februar, den Tag der Wiederherstellung der litauischen Unabhängigkeit zu feiern. Sie wussten nicht recht, in welcher Reihenfolge die Farben der verbotenen Nationalflagge angeordnet und was der Vytis oder die Gediminas-Pfeiler waren.Falls sie von einem wie durch ein Wunder auf diese Seite des Eisernen Vorhangs geratenen BBC-Korrespondenten gefragt worden wären, hätten sie ihm keine klare Auskunft über Romas Kalanta oder den genauen Zeitpunkt der sogenannten Ereignisse von Kaunas geben können. Rita und Rimantas waren keine Ausnahme. Damals, vor mehr als zwanzig Jahren, lebten die meisten, ja fast alle so.“ p. 112

Sehr interessant fand ich auch die Beschreibung einer litauischen Jugendzeitschrift aus kommunistischen Zeiten

„Rita dachte wehmütig an die einzige Zeitschrift ihrer zugeknöpften Kindheit, den „Schüler“, an dessen komsomolzische Vorworte, sachliche Interviews mir den Klassenbesten, die Gedichte der angehenden Poeten, die naiven Jugendnovellen, die schwarz-weißen Arbeiten der fleißigen, jungen Graphiker, die Beratung in unschuldigen Fragen, zum Beispiel, ob man einen Freund daran erinnern dürfe, dass er einem noch 80 Kopeken schulde, schließlich die Spalte mit den Brieffreundschaften: mit den Aphorismen-Sammlern, den Briefmarkensammlern, Schauspielerfoto-Sammlern, den Mitgliedern der Volkstanzgruppen“ p.104

14 Gedanken zu “Litauen literarisch- Zitate 2

    1. Ah, dann hast du meinen Wortschatz erweitert. Danke ! Ich hasse es, einen Text zu lesen und irgendwelche Ausdrücke nicht zu verstehen. Das passiert mir auch nicht oft, wie ich ganz eitel feststellen muss 🙂

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  1. wenn ich es recht verstehe, verweisen die im Roman erwähnten Namen vor allem auf Menschen, die aus religiösen oder litauisch-nationalistischen Gründen gegen die SU aufstanden und die zu kennen für einen Nicht-Litauer wohl wirklich ungewöhnlich wäre. Die Samisdat-Literatur hingegen war eher modern-aufklärerisch, allgemeine Menschenrechte fordernd orientiert, jedenfalls Anfangs, also zur Zarenzeit, und später wieder während der stalinschen Diktatur in allen Ländern des Ostblocks. Das Archipel Gulag von Solshenizyn gehörte zu dieser im Untergrund verbreiteten Literatur, aber auch die moderne Lyrik, die abstrakte Malerei, der westliche Musik…, also alle Ausdrucksformen, die als unsowjetisch galten, deren Autoren Arbeitsverbot oder Veröffentlichungsverbot hatten und auf deren Verbreitung hohe Strafen standen.

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    1. Interessant ! Aha, den Ausdruck hat man schon zur Zarenzeit verwendet, offenbar durchgehend bis Ende der SU und des Ostblogs im Allgemeinen. Auch spannend finde ich, dass die russische Sprache sowohl die Sprache der Imperialistischen als auch die allgemeine lingua franca in den baltischen Staaten war und heute noch ist.Litauen und Lettland könnten sich zur Not noch irgendwie verständigen, aber Estland hat eine Sprache, die mit den slawischen nicht verwandt ist.

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  2. In Richtung Osten sind wir blind. Es gibt sogar einen lateinischen Satz dazu, der mir aber gerade nicht einfällt. Doch, gefunden: Slavica non leguntur. Slawisches wird nicht gelesen. Das können wir getrost auf Baltisches und überhaupt Osteuropäisches ausweiten.

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    1. Die Römer gehörten aber auch zu den arrogantesten Imperialisten überhaupt ! Es ist leider wahr, dass slawische Kulturen in Europa nicht stark wahrgenommen werden. Um es diplomatisch auszudrücken.
      Das müssen ganz alte Vorurteile sein. In Österreich zB ist das ein Erbe der Strukturen der Habsburger-Monarchie. Ungarn wird geschätzt, ja geradezu geliebt, wird mit positiven Vorurteilen wahrgenommen. Tschechien dagegen nicht. Obwohl das ja ein Land mit einer wahrhaftig interessanten Geschichte und Kultur war und ist.

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      1. Stimmt, allein um Hurvinek und Spejbel und die Märchenbraut wäre es sehr schade. Tolle Theater- und Filmkultur. Nachtrag zu Russland: 1839 hat ein französischer Edelmann für sage und schreibe 4 Monate St. Petersburg und Moskau besucht. Sein Buch habe ich zufällig entdeckt. Es ist so abfällig. Er wettert nicht nur gegen die Despotie und das unterwürfig-sklavische Verhalten, was ja durchaus scharf beobachtet ist. Er lässt auch kein gutes Haar an der Landschaft, den Leuten und der „Civilisation“ überhaupt. Schreibt auf jeder zweiten Seite, die Russen seien Asiaten (nichts gegen Asiaten, aber seit Jahrhunderten versuchen sich Slaven als Europäer zu geben) und würden nur die europäische Kultur widerkäuen. Aber das eben nicht gekonnt.
        Sein Buch „Russische Schatten“ war ein Standardwerk der Reiseliteratur und wird noch immer kritiklos als historische Chronik behandelt und angenommen. Es gibt noch immer die Richtung vor. Es hat eine Kerbe geschlagen und die Meinungen heute weichen fast nicht davon ab. In einigen Aspekten hat er wie gesagt durchaus recht. Aber die gesamte Kultur so in die Tonne treten, das hat der Osten nicht verdient. Astolphe Custine heißt der gute Mann.

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        1. Zum Ausgleich habe ich von diesem Custine auch noch nie was gehört, obwohl ich in der französischen Kultur durchaus zuhause bin.
          Es gibt ja viele solcher völlig subjektiver Reiseerzählungen, aus Zeiten , in denen nur vereinzelte Leute reisten, die es irgendwie zum Referenzwerk geschafft haben.

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  3. Samisdat – kommt von -selbst- und -herausgeben-; Gerda hat das ganz richtig erklärt, es handelte sich um Untergrundliteratur, Konzertmitschnitte, usw. Samisdat-Foliant ist damit also ein selbstgedrucktes/kopiertes/vervielfältigtes unter der Hand weiter gegebenes Buch.

    Gediminas musste ich allerdings auch erst nachschlagen – wäre aber durchaus ein Name, den man im Kopf behalten könnte, war er doch ein litauischer Großfürst, unter dem das Großfürstentum Litauen im 14. Jahrhundert zur Großmacht wurde.

    Die meisten der im Text genannten Namen sind in der Tat die von litauischen Dissidenten und /oder Nationalisten, die wir hier im Westen eher nicht kennen (außer Sacharow, Solschenizyn und Brodsky), die aber eben auch damals den meisten Litauern (wie auch den Romanhelden Rita und Rimantas) nicht bekannt waren. Insofern ist es keine Schande für Dich, dass Du all diese Namen nicht kanntest. Das ist ziemliches Spezialwissen.

    Viel Freude noch beim Lesen.
    Herzliche Grüße
    Agnes

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