la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit

Ein Lehrstück von schlechter Kommunikation und persönlichen Eitelkeiten

18 Kommentare

Die Situation war grässlich. Mündliche Matura, eine riesige Lehrerkommission, ein wichtiger Ministeriumsbeamter als Vorsitzender, ganz schwache, völlig überforderte und obendrein schlecht vorbereitete Schüler. Ich war zum Glück nur am Rande beteiligt, als Beisitzerin, die von der ganzen Misere dieser Klasse im Vorfeld nichts wusste.

Das Unglück nahm seinen Lauf. Von vier Schülern, die meine Kollegin zu prüfen hatte, fielen drei durch und die positive Beurteilung der vierten war ein Gnadenakt. Prüfungen beendet, der Vorsitzende fragte, ob dieses Fiasko abzusehen gewesen wäre. Meine Kollegin, die noch sehr unerfahren ist, verstand nicht, dass er damit eigentlich fragte, warum sie denn nicht vorgewarnt hätte. Die interimistische Direktorin, gegen Ende eines sehr anstrengenden Schuljahres, in dem sie nicht nur ihr völlig neue Agenden übernehmen musste sondern obendrein den ganzen Sommer lang die Aufsicht über die Übersiedlung der Schule geführt hatte, gibt sich unleidlich und meint, dass es ja so nicht ginge; wenn man Schüler in die letzte Klasse aufsteigen ließe, müsste man ihnen auch eine Perspektive für das Bestehen der Matura bieten. Die junge, unerfahrene Kollegin fühlt sich wie die Angeklagte vor einem Höllentribunal, als schlechteste Lehrerin aller Zeiten. Ich kann ihr nicht helfen, weil ich die näheren Umstände nicht kenne und nur bestätigen könnte, dass die Prüfungen eindeutig negativ waren, was jetzt nicht wirklich hilfreich gewesen wäre.

Die Kollegen der Prüfungskommission versuchen, die Situation zu entschärfen und berichten, dass diese Klasse ein besonderer Fall sei, weil die Schüler durchgehend, alle, immer sehr schwach gewesen seien. Der Klassenvorstand appelliert an den Vorsitzenden die Übergangsproblematik von der Unter- in die Oberstufe in Angriff zu nehmen um solche Situationen zu vermeiden. Aber die Kollegin, bei der diese Schüler ursprünglich antreten wollten, sagt nicht, dass sie allen vieren gesagt hat, dass sie wohl bei ihr antreten könnten, aber dann sicher  durchfallen würden. Der Kollege, bei dem alle Prüfungen positiv waren, unterlässt es zu erwähnen, dass 80% der Redezeit der Prüfungen von ihm übernommen worden waren.

Ein bedauerliches Schauspiel, egal von welchem Standpunkt aus betrachtet.

Im Epilog des Dramas geht es darum, dass jede/r auf jede/n böse ist bzw sich falsch verstanden oder eingeschätzt fühlt. Die Kollegin, deren Beisitzerin ich war, fühlt sich ungerecht behandelt und allein gelassen. Ich habe ein ziemlich schlechtes Gewissen, weil ich sie gerne unterstützt hätte, aber nicht sehe, was ich hätte sagen oder tun können. Im Hintergrund singt der Chor nicht, er mauschelt. Wilde Interpretationen der Handlungsweisen aller Beteiligten kursieren, natürlich hätten es alle anderen besser gemacht als die Akteure der Tragödie. Na, das Übliche halt ! Die Einzige, die sich der Konsequenzen ihres desaströsen Auftritts gar nicht bewusst ist, ist die interimistische Direktorin. Falls sie Zeit dafür findet, zählt sie wahrscheinlich die Tage bis Ende des Schuljahrs.

Nachdem ich von mehreren Seiten gehört habe, dass die „angeklagte“ Kollegin auf mich böse ist, habe ich den direkten Weg gewählt und mit ihr alles ausgesprochen. Es war ein sehr gutes Gespräch und ich ziehe mich damit aus dieser Tragödie zurück. Es gibt noch vier weitere potentielle Katastrophensituationen, in denen ich selbst prüfen muss, aber ich hoffe heftig, dass diese Veranstaltungen nicht in Form von Tragödien ablaufen, sondern nur den üblichen Spektakelcharakter haben werden.

 

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18 Kommentare zu “Ein Lehrstück von schlechter Kommunikation und persönlichen Eitelkeiten

  1. das hört sich echt bescheiden an. Ich finde, es spricht für dich – dass du statt mitmauscheln sich direkt an die Kollegin gewendet hast!

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  2. Nehmt es mit Humor. In einer mündlichen Prüfung sind viele Faktoren für deren Gelingen notwendig. „Glück“ ist die Umschreibung für „ich verstehe die Zusammenhänge nicht“. Sind die Schüler denn noch nie mit den gestellten Fragen in Berührung gekommen ? War der Stress zu hoch ? Welche Priming-Faktoren haben gewirkt ? Natürlich ist es ohne Kenntnis der erlebten Situation schwierig, die Ursache zu ermitteln – wo doch schon die Anwesenden es nicht konnten. Was hinderte die Prüflinge daran, ihr Wissen abzurufen ? Und welche Antworten wurden als richtig erwartet ? Das Abrufen von Wissen ist zum Glück keine Fähigkeit, die den Erfolg im Leben bestimmt. Das Einschätzen von Situationen schon. Insofern handelt es sich bei der dargestellten Situation um kollektives Versagen. Keiner hat es kommen sehen, alle tun so als würden sie im Zug sitzen und mit staunendem Gesicht die vorbeiziehende Landschaft beobachten. Aber keiner kuckt nach vorne, wo die Gleise plötzlich aufhören. Keiner kann etwas für das Ergebnis, aber alle sollen sich gefälligst schuldig fühlen. Das passiert doch eigentlich nur Amateuren, keinen Profis. Oder ?

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    • Nun ja, wenn hier von Professionalität die Rede ist, so muss man vorausschicken, dass Weniges so unprofessionell ist, wie Urteile auf der Basis von rudimentärer Information zum Thema 😉
      Nicht vorhandenes Wissen kann man nicht abrufen, dabei hilft auch die Einschätzung und Analyse der Situation nach allen Regeln der Kunst nichts. Ganz abgesehen davon, dass es sich um Sprachprüfungen gehandelt hat; dabei geht es nicht so sehr um Wissen sondern um Kompetenz. Wenn aber schon das grundlegende Wissen fehlt, kannst du dir vorstellen, wie es mit der Kompetenz in der Anwendung aussieht …
      Mit „Glück“ meinte ich „innerhalb des Systems zufällig an der richtigen Stelle zu stehen“ also zB die einzige Prüfungsfrage zu ziehen, zu der man was zu sagen hat oder gleich nach einer katastrophalen Prüfung dran zu sein und damit einen verhältnismäßig guten Eindruck zu machen etc
      Was die Sache mit der Schuld betrifft, bin ich deiner Meinung. Es handelt sich weder um Schuld noch um Verantwortung sondern darum, innerhalb eines Systems agieren zu müssen, dass man weder erfunden hat noch gutheißen möchte. Wenn klar ist, dass demnächst die Gleise aufhören, stellt sich die Frage, ob man innerhalb eines ungeliebten Systems sich selbst vor den Zug werfen soll um die Gleise zu ersetzen oder eben nur resigniert zusehen kann, wie der Zug entgleist.

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  3. Es ist wohl nur schwer zu schätzen, wie viele Dramen gerade abseits der berühmten Bretter stattfinden. Für Schüler:innen wie Lehrer:innen eine intensive Zeit. Viel Power dafür!

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  4. Tja … Montag habe ich auch externes Abi und gerade mit der Kollegin, die Protokoll führen wird, so einiges durchgequatscht.
    Als Gesamtschullehrer ist mir die Problematik vertraut. Deshalb bleibe ich Gesamtschiullehrer, auch wenn die Belastungen unzumutbar sind.

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  5. Mir „gefällt“ nicht die Situation, sondern wie du sie beschreibst, auch deine Rolle dabei. Auch ich drücke dir für die nächste/n Runde/n die Daumen, etwas Glück schadet nie dabei.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  6. „Gefällt mir“ kann ich nicht anklicken. Ich kenne solche Situationen zur Genüge. Leider.
    Ich wünsche Ihnen für die vier kommenden Situationen eine gute Hand.

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