la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit

Die Würde ist antastbar

6 Kommentare

Ich habe dieses Buch gelesen, weil mich einerseits der Autor angesprochen hat. Ich kenne Ferdinand von Schirach als Autor des Theaterstück/Films/Fernsehfilms „Terror“, wo mittels einer fiktiven Geschichte die Frage aufgeworfen wird, ob es moralisch vertretbar ist, das Leben einiger für das Leben einer viel größeren Anzahl von Menschen zu opfern. Eine Frage, die ich höchst interessant finde, weil sie meiner Ansicht nach nicht entschieden werden kann. Eine ethische Frage, die deutlich zeigt, wie sehr Theorie und Praxis auseinanderklaffen, wie sehr der individuelle Standpunkt von Bedeutung ist.

Auch der Titel dieser Sammlung von Essays hat mich angesprochen. Schirach denkt über eine große Anzahl an Themen nach. Er stellt dabei viele Fragen, von denen sich mehr als eine als unlösbar erweist. Der erste Essay zum Beispiel mit dem Titel „Verstehen Sie das alles noch ? Fragen an die Wirklichkeit“ besteht ausschließlich aus Fragen. So verschiedenartigen wie „Beunruhigt Sie der Begriff „effiziente europäische Bankenaufsicht“ ? “ oder „Schreibt Frau Merkel ihrem Mann manchmal eine SMS, dass noch Milch eingekauft werden müsse ? “ oder „Können wir jemanden für das alles, wie es so schön heißt, zur Verantwortung ziehen ?

Außerdem hat mich interessiert, ob Schirach irgendetwas über seinen Großvater, Baldur von Schirach, schrieb, der ab 1940 „Gauleiter“ und „Reichsstatthalter“ in Wien war. Tatsächlich tut er das in dem Essay „Du bist, wer du bist“. Schirach erzählt, dass er seinen Großvater nicht wirklich gut kannte, weil er zu klein war, als dieser kurze Zeit bei seiner Familie wohnte. Trotzdem finde ich, dass die kleine Anekdote, die er erzählt, ein sehr helles Licht auf diesen Mann wirft.

„Wir spielten jeden Tag Mühle, er gewann immer mit dem gleichen Trick. Irgendwann dachte ich solange darüber nach, bis ich verstand, wie er das machte. Danach spielte er nicht mehr mit mir. Ich war damals fünf, sechs Jahre alt.“ p 39

Bekannt ist auch dieser Satz aus einer Rede, die er 1942 hielt:  „Wenn man mir den Vorwurf machen wollte, dass ich aus dieser Stadt Aberzehntausende ins östliche Ghetto abgeschoben habe, muss ich antworten: Ich sehe darin einen aktiven Beitrag zur europäischen Kultur.“

Schirach fragt sich und kann nicht verstehen, warum sein Großvater zu dem geworden ist, was er ist. Er stammt aus einer wohlhabenden , gebildeten Familie, hatte jede Möglichkeit im Leben …..

„Die Schuld meines Großvaters ist die Schuld meines Großvaters. Der Bundesgerichtshof sagt, Schuld sei das, was einem Menschen persönlich vorgeworfen werden könne. Es gibt keine Sippenhaft, keine Erbschuld, und jeder Mensch hat das Recht auf eine eigene Biografie. In meinem Buch schreibe ich nicht über ihn und seine Generation. Ich weiß nichts von diesen Männern, was nicht schon tausendmal gesagt und erforscht wurde. Unsere Welt heute interessiert mich mehr. Ich schreibe über die Nachkriegsjustiz, über die Gerichte in der Bundesrepublik, die grausam urteilten, über die Richter, die für jeden Mord eines NS-Täters nur fünf Minuten Freiheitsstrafe verhängten. Es ist ein Buch über die Verbrechen in unserem Staat, über Rache, Schuld und die Dinge, an denen wir heute noch scheitern. Wir glauben wir seien sicher, aber das Gegenteil ist der Fall: wir können unsere Freiheit wieder verlieren. Und damit verlören wir alles. Es ist jetzt unser Leben und es ist unsere Verantwortung.

Ganz am Ende des Buches fragt die Enkelin des Nazis den jungen Strafverteidiger : „Bin ich das alles auch ?“Er sagt: „Du bist, wer du bist.“ Das ist meine einzige Antwort auf die Fragen nach meinem Großvater. Ich habe lange für sie gebraucht.“ p. 46

Ein unter die Haut gehender Autor.

Ich danke dem Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars

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6 Kommentare zu “Die Würde ist antastbar

  1. es hat auch bei mir lange gebraucht, bis ich die Taten – gute wie schlechte – bei denen gelassen habe, die sie getan haben, und ich mich nurmehr verantwortlich fühle für die Handlungen und Unterlassungen, die ich mir selbst zuzurechnen habe. Weder „fremdschämen für“ noch „fremd stolz sein auf“.
    Ich bin daher nicht mehr stolz auf „deutsche Dichter und Denker“ und schäme mich nicht mehr wegen der „deutschen Richter und Henker“ in Grund und Boden. Jedenfalls versuche ich das 😉 Ganz gelingt es nicht, sich der Sippenhaft zu entziehen.

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  2. Ich danke Ihnen für die Vorstellung dieses Werkes. Ich kenne bisher lediglich die beiden Werke „Verbrechen“ und „Schuld“.
    Der Mann kann einem mit seinem Schreiben tatsächlich unter die Haut gehen…

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  3. Das klingt SEHR interessant. Danke für den Tipp

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