la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit

5. Station der Literaturweltreise

17 Kommentare

Ahoi Yvonne. Ich bin also auf einem Schiff von Colombo in Sri Lanka durch den indischen Ozean, den Suez Kanal und das Mittelmeer nach England gefahren. Das Ticket wurde von der Stadt Wien bezahlt, die jedes Jahr ein Gratisbuch verteilt. Bis jetzt waren das immer interessante Texte von interessanten Autoren. So auch dieser

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Michael Ondaatje

„Katzentisch“

englische Originalausgabe 2001

Das bekannteste Buch des Autors ist „Der englische Patient“. Ein Buch, das auch sehr eindrucksvoll verfilmt wurde.

In dieser Ausgabe der Stadt Wien steht am Ende des Textes auch ein längeres Interview mit dem Autor, in welchem unter anderen der Frage nachgegangen wird, inwieweit es sich um ein autobiografisches Werk handelt. Michael Ondaatje ist tatsächlich als 11-jähriges Kind mit einem Schiff von Colombo nach London gefahren.

Als mich meine Kinder später nach der Reise fragten, waren sie schockiert, weil ich so wenig wusste und weil ich als Elfjähriger  völlig auf mich allein gestellt reisen musste. Und ich war dann auch schockiert, dass ich so wenig Erinnerung an diese 21 Tage hatte. Welche Geschichten habe ich da verpasst ? Also habe ich viel erfunden, aber emotional muss da irgend etwas in das Buch geflossen sein. Da ist die Angst verloren zu sein – so wie sich eben jedes Kind in dieser Situation fühlen würde.

Wir reisen also auf einem Schiff mit einer Menge interessanter, ungewöhnlicher und auch exzentrischer Passagiere, von denen sich einige täglich am „Katzentisch“ des Schiffspeisesaals treffen. Eine Cousine des Autors reist auch auf demselben Schiff, ebenfalls mit dem Ziel in England eine Schule zu besuchen. Sie ist aber in der 1.Klasse unterwegs, ebenso wie die Dame, die ihn ein bisschen im Auge behalten soll.

Die Geschichte ist aus der Perspektive des Elfjährigen erzählt, der gemeinsam mit zwei Freunden das Schiff unsicher macht. Sie treffen sich in einem Rettungsboot, verputzen die dort gelagerten Vorräte und hören und sehen aus der Deckung heraus so manches, was Kindern ihres Alters nicht bekommt.

Die vielfältigen Figuren bekommen im Laufe der Reise immer schärfere Konturen und mehr Tiefe. Im letzten Teil des Textes ist der Ich-Erzähler ein mittelalterlicher Erwachsener, dem es durch Begegnungen mit den damaligen Mitreisenden gelingt, so manche Dinge, die er als Kind nicht verstanden hatte zu entwirren. Er kreuzt auch wieder die Wege seiner beiden Freunde

Jemand hat mich einmal gefragt, welche Figur ich bin, und ich habe geantwortet:alle

Sehr gefallen hat mir die Szene in der das Schiff in der Nacht durch den Suezkanal fährt.

Bündel wurden auf das Vordeck geschleudert. Ein Tau war an der Reling befestigt worden damit ein Matrose sich zum vorbeigleitenden Land abseilen konnte, um dort die Zollunterlagen abzuzeichnen (…) Ich hätte nicht zu sagen gewusst, ob all das, was sich abspielte, ordentlich und legal oder blindwütig kriminelles Treiben war, denn nur wenige Offiziere überwachten das Tun, an Deck war kein Licht, und alles geschah heimlich. Es gab nur die beleuchteten Fenster auf der Brücke mit den reglosen drei Silhouetten, als leiteten Marionetten das Schiff und befolgten die Anweisungen des Hafenlotsen.

Wenn auch die Schiffsreise aus der Perspektive des Elfjährigen erzählt wird, so werden den Lesern doch auch immer wieder darüber hinausgehende Perspektiven angeboten

Es gibt immer eine Geschichte, die einen erwartet. Noch kaum ausgeformt. Erst allmählich macht man sich mit ihr vertraut und gibt ihr Nahrung. Man entdeckt den Panzer, der den eigenen Charakter bergen und härten wird. Auf diese Weise findet man seinen Lebensweg

Viel könnte ich erzählen über die Figuren, die das Schiff bevölkern, aber so lang soll es nicht werden. Eine Stelle habe ich witzig gefunden, in der das Kind aus Sri Lanka im kühlen englischen Klima ankommt und erzählt, dass er Socken anziehen musste, die seine „Schuhe verstopften“

Insgesamt ein sehr vielschichtiges Buch mit interessanten Charakteren. Vom Leben einiger Personen, Jahrzehnte nach der Schiffsreise, erfahren wir noch eine Menge Details, die die Geschichten zwar nicht abrunden, aber immerhin ein paar Jahre weiterführen.

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17 Kommentare zu “5. Station der Literaturweltreise

  1. Ich bin damals tatsächlich mit Ondaatjes „Englischen Patienten“ eingestiegen (Buch und Film: beide traumhaft, aber brauchen Sitz-/Lesefleisch) und habe seitdem alles von ihm gelesen, dessen ich habhaft werden konnte. Unglücklich war ich nur über „Anils Geist“, ich konnte die Foltergeschichten nicht gut ab. (Muss ich vielleicht nochmals versuchen.) Es gibt zu diesem Buch ein sehr gelungenes Hörbuch, gelesen von Johannes Steck, und immer noch in der ARD-Mediathek ein Interview von Denis Scheck mit Michael Ondaatje. Ich kann dir den Link posten, wenn du magst.
    Danke für die Besprechung, ich habe sie sehr gern gelesen und mag das Buch sehr.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  2. That sounds interesting dear, thank you very much for the presentation of this book 🙂
    Have a nice end of week
    kisses

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  3. Das klingt ja interessant und ich finde es eine besonders schöne Aktion, dass die Stadt Wien dieses Buch gratis verteilt hat. Ich wünsche mir, dass jeder Empfänger es so zu schätzen weiß, wie du.

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  4. Pingback: BUCHweltreisebericht Februar 2017 | umgeBUCHt

  5. Und wer sich für den Blick des Autors auf sein Herkunftsland, auf die Suche nach Identität, interessiert, dem/der sei sein fesselnder Roman „Anil’s Ghost“ (Anils Geist) aus dem Jahr 2000 ans Herz gelegt. Ondaatje ist übrigens einer der Autor(inn)en, die mich dermaßen beeindrucken, dass ich nach der Lektüre eines ihrer Werke der Reihe nach alle anderen gelesen habe …

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  6. Schließe mich finbar an: schöner wie schön geschriebener Hinweis. Wünsche noch weiter gute Fahrt – tuuuut, tuuuut!

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  7. Das klingt interessant — danke für die feine Präsentation dieses Buches 🙂
    Hab einen schönen Tag, Lu

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