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Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit

Daggi – 29 – Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

8 Kommentare

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Thomas Meyer

„Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“

Diogenes 2012

Aufgabe 32: Der Debütroman eines Autors

Schon lange habe ich kein so originelles Buch mehr gelesen, sowohl was den Inhalt als auch was die Sprache betrifft. Der Text ist in einem gemäßigten  jiddisch geschrieben, das – sofern man des jiddischen nicht mächtig ist – trotz des Glossars eine Herausforderung darstellt, aber andererseits zur atmosphärischen Dichte beiträgt.

Die Handlung ist schnell erzählt. Mordechai Wolkenbruch, genannt Motti,  ist ein vielversprechender junger Mann, der einerseits in der Versicherungsgesellschaft seines Vaters in Zürich mitarbeitet, andererseits BWL studiert. Seine mame, eine höchst dominante Person ist eifrig damit beschäftigt ihn verheiraten zu wollen. Sie organisiert eine passende Heiratskandidatin nach der anderen.

„Als ich vor einiger zajt von einer solchen Reise heimkehrte, erwartete mich meine mame am Esstisch, vor sich die zerknüllten Packungen von zwaj Tafeln Schokolade.

„Nu, Motti ?“ fragte sie, ihre ojgen wie chanike-Kerzen

„Ich wajs nischt, mame“ wich ich aus, um doch irgendwann mol etwas zu sagen.

„Wus wajstu nischt?“ blähte sie ihre Brust.

Ich fuhr mir mit der hant in den bort, denkend: Jetzt kannst der eigenen Mutter ja schlecht sagen, das mejdl gefelt mir nicht, die sieht aus wie du.“

Also sagte ich:“ Da war nischt kejn funk zwischen uns, mame“

„Kejn funk !“ rief die mame. „Was brauchst du a funk ! Du brauchst a froj“

(…)

„Während wir unseren Weg aus der schtot heraus suchten, probierte ich, meine Empörung darüber zu bekunden, derart skrupellos in einen Hinterhalt chauffiert worden zu sein, wurde aber von meiner mame übertönt, die mich den störrischsten jid schalt, der ihr je untergekommen;

(…)

„Ich möchte glücklich sein, nicht wählerisch “ sagte ich nach einer Pause.

„Haha! glücklich!“ Meine Mutter war ehrlich amüsiert „Weißt du, von wem du abstammst ?“

Oj, dachte ich mir, jetzt kommt wieder die Leier von der armen polnischen Urgroßmutter, die seks teg die woch als Wäscherin arbeiten musste und deren höchstes glik darin bestand, ihre finf kinderlech satt ins bet zu bekommen.

Ich sagte besser nichts mehr.

„Weißt du, von wem du abstammst?“ Jetzt klang meine mame nicht mehr so amüsiert.

„Von Mimi Eisengeist aus Polen“ antwortete ich brav

„Glik, mein Lieber“ dozierte meine mame „ist etwas für die Märchenbücher. Und zwar für gojische Märchenbücher“

Die Sache nimmt ihren Lauf. Die Leser erfahren sehr vergnügliche Details über die Zürcher jüdische community und Motti wird immer störrischer. Er interessiert sich für eine nicht-jüdische Studienkollegin. Er wird zur Besinnung zu seinem Onkel nach Israel geschickt. Dieser Aufenthalt verläuft aber auch keineswegs so, wie seine Mutter sich das gewünscht hätte.

Das Buch ist einerseits sehr vergnüglich, andererseits beschreibt es wie einem jungen Menschen keine andere Wahl bleibt, als  mit seiner Familie zu brechen, wenn er seinen eigenen Weg gehen möchte. Der Autor vermeidet die Banalität eines „happy ends“ und läßt Mottis zukünftigen Weg völlig frei.

„Ich begab mich in den elften schtok. Das zimmer war klein, aber elegant. Ich hatte Ausblick auf die Limmat. Sie floss schtil nach irgendwo.“

Ein sehr schwieriges Thema leicht lesbar geschrieben und ein Einblick in eine sehr strikt reglementierte Welt.

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8 Kommentare zu “Daggi – 29 – Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

  1. Pingback: Vorschläge für das Buchdate mit Tausendnull | la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

  2. Danke für den Tipp.
    Habe das Buch bestellt.

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  3. die Nicht Orthodoxen, die kuemmern sich um nix dabei. Die „normal “ Orthodoxen, so wie wir, da duerfen sich die Kinder ihre Partner voll und ganz selbst aussuchen. Nur bei den Ultra Orthodoxen ist es weiterhin eben so streng

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  4. das ist ein Buch, dass ich gerne lesen moechte. Auch heute werden bei den sehr sehr streng religioesen die Kinder noch so verheiratet. NUr, dass man doch versucht „passende“ Paare zu „machen“. Die Eltern halten sich an die Wuensche der Kinder, so weit es geht und meistens klaptt es dann auch wirklich. Nicht immer beim ersten, den man vorstellt, aber doch.
    Meine Kinder „durften“ sich ihre Ehepartner selber aussuchen. Da hatte ich keinerlei Hand dabei. Wir sind ja „normal“ religioese

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    • Es ist ein wirklich gutes Buch, sehr humorvoll geschrieben, aber ohne die Problematik des „Lebens in zwei Welten“ herunterzuspielen.
      Mir hat auch die Sprache so gut gefallen, die kreativen Wortschöpfungen des jiddischen. zB email ist ein blitzbrief 🙂
      Ich kann mich erinnern, dass meine jüdischen Schulfreundinnen sich ihre zukünftigen Ehemänner nicht wirklich aussuchen durften. Sie hatten mehrere Kandidaten zur Auswahl, aber selbst jemanden finden, durften sie nicht. Und die Wahl womöglich gar nicht zu heiraten, gab es nicht. Das ist aber lange her und ich finde es schön, dass es heutzutage in Israel bei den Nicht-Orthodoxen nicht mehr so streng zugeht.

      Gefällt 1 Person

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