la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit

Skizzen 3 – Meine Freundin M. wurde als Mann geboren

9 Kommentare

Eigentlich spät im Leben, mit 48, hat sie sich tatsächlich zur Frau operieren lassen. Der Leidensdruck muss enorm sein, damit sich ein Mensch freiwillig solchen Operationen unterzieht. Es sind ja auch nicht nur Operationen, es gehört dazu auch eine künstlich herbeigeführte Umstellung der Hormone und ob der im Optimalfall zu erreichende Zustand tatsächlich dem Körper und der Befindlichkeit des anderen Geschlechts entspricht …. Das sind wohl  Bereiche, in denen alles subjektiv und kaum vergleichbar ist.

M. lebt nach wie vor mit derselben Frau zusammen, die sie als Mann geheiratet hat. Und sie leben gut miteinander.Das ist Liebe quer durch die Geschlechter und die sexuellen Orientierungen. Bei einem hohen Prozentsatz von Transsexuellen bleibt die sexuelle Orientierung trotz Geschlechtswechsel erhalten. Also ein ursprünglich heterosexueller Mann, der zur Frau wird, interessiert sich nach wie vor für Frauen. Wie das „technisch“ aussieht, muss wohl jedes Paar für sich entdecken und leben. Auch wie es ist als Frau, die seit Jahren mit einem Mann zusammenlebt, plötzlich eine Frau zu haben, kann man in der Theorie auch schwer nachvollziehen.

M. ist hochqualifizierte Ärztin, hat an der Meduni Wien geforscht und gelehrt, war an vielen internationalen Projekten beteiligt. Aus Gesundheitsgründen musste sie frühzeitig in Pension gehen, was ihr nicht leicht gefallen ist. Sie hat nicht nur schweres Asthma sondern obendrein noch Parkinson. Glücklicherweise ist ihr wenigstens die zusätzliche Tragik erspart geblieben, dass der Ausbruch des Parkinson durch die massiven Hormonkuren hervorgerufen wurde. Nach derzeitigem Stand der Forschung hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Sie hat eine ungemein positive, lebensbejahende Einstellung und geht mit den gesundheitsbedingten Beschränkungen  bewundernswert um. Ich weiß aber nichts näheres von ihren dunklen Momenten, die sie sicher auch hat. Jedenfalls lässt sie sich trotz massiver Beeinträchtigungen nicht unterkriegen. Sie hält noch eine Vorlesung, sie malt mit der einen Hand, die nicht zittert, sie segelt, sie spielt mehrere Instrumente und sie betreibt buddhistische Meditation.

Der Weg vom Mann zur Frau war lang und schwer. In Zeiten in denen es noch kein Intenet gab, musste jeder von der Norm abweichende Mensch annehmen, dass er/sie als einzige/r in dieser Situation war. Außer man begegnete zufällig jemand anderem in ähnlicher Lage. Das war bei M. nicht der Fall. Niemand wusste davon, dass sie im falschen Körper steckte, nicht einmal ihre Frau. Dann kamen mehrere Jahre in den USA, in Boston, dort erfuhr sie im Rahmen von medizinischen Recherchen, dass sie bei weitem nicht die einzige war, die ihren Körper als dem falschen Geschlecht zugehörig empfand.

Das war dann der Durchbruch und der Beginn des coming out. Davor hatte sie einige zögerliche Versuche gemacht und immer wieder abgebrochen. Immer wieder die Frauenkleider weggeworfen, immer wieder versucht „normal“ zu sein. Sie hätten in Boston bleiben können, aber letzlich gefiel beiden das Leben dort nicht besonders und sie kamen zurück nach Wien wo M ihre sichtbare Verwandlung begann. Es erfordert schon sehr viel Mut vor einem Hörsaal mit ein paar hundert Studenten zu stehen und zu verkünden „ab heute bin ich eine Frau“.

Die Stimme war ein zentrales Thema. Es ist sehr anstrengend eine tiefe Stimmlage ständig höher anzusetzen. Da ist von der Anatomie her nichts zu machen. M erzählte mir einmal, dass sie anfangs, um sich daran zu erinnern, die Stimme höher anzusetzen auf einigen der in ihren Vorlesungen gezeigten Bilder rote Punkte gemacht hatte, nur für sich selbst als Gedächtnisstütze. Unter den Studenten hatte sich aber bald das Gerücht verbreitet, dass die Bilder mit den roten Punkten die besonders wichtigen für die Prüfung seien.

Ich mag M sehr. Sie ist ein sehr freundlicher, humorvoller, hilfsbereiter Mensch, eine vielseitige, umfassend gebildete, schillernde Persönlichkeit und wirklich ein Vorbild für die Lebenseinstellung, die aus dem, was man hat, wie viel oder wenig es auch sein möge, immer das beste zu machen versucht. Aber, Tatsache ist auch, dass ich sie überhaupt nicht als Frau wahrnehme. Ich hoffe sehr, das fällt ihr nicht auf. In homo- und transsexuellen Welten tut man sich als heterosexueller Mensch oft schwer mit den männlichen und/oder weiblichen Ausstrahlungen und der Decodierung von Signalen.

Dazu fällt mir ein kleines Erlebnis ein, das ich mit einem mir sehr lieben schwulen Arbeitskollegen hatte. Wir waren gemeinsam bei einer Veranstaltung, bei der Schüler und Schülerinnen Texte vortrugen, die sie innerhalb eines Projekts geschrieben hatten.  Und da kam ein junger Mensch, von dem ich nicht sagen konnte, ob er/sie männlich oder weiblich war. Ich fragte meinen Kollegen um seine Einschätzung. Der meinte aber nur „ist das wichtig ?“  Ja, doch, für mich ist es nicht nur wichtig sondern eigentlich prioritär, zu wissen, zu welchem Geschlecht jemand gehört und ich finde es äußerst irritierend, wenn ich das nicht weiß. Und dann sagte mein Kollege “ wenn du in den gleichen Kreisen wie ich verkehren würdest, würdest du das bald unwichtig finden“  Über diese Sicht der Dinge denke ich immer noch nach.

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9 Kommentare zu “Skizzen 3 – Meine Freundin M. wurde als Mann geboren

  1. sicher kennst du den Roman von Eugenides „Middlesex“? Erst durch dieses Buch ist mir das Thema der Transsexualität überhaupt richtig klar geworden. Außerdem habe ich eine geniale Freundin, die nach eigener Wahrnehmung und teilweiser körperlicher Beschaffenheit ein heterosexueller Mann ist ….Ein sehr schwieriges Leben.
    Wikipedia: „Middlesex ist ein 2002 erschienener Roman, für den Jeffrey Eugenides (* 1960) im Jahre 2003 den Pulitzer-Preis erhielt. 2015 wurde dieser Roman von der BBC-Auswahl der besten 20 Romane von 2000 bis 2014 zu einem der bislang bedeutendsten Werke dieses Jahrhunderts gewählt.“

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    • Gelesen habe ich ihn noch nicht. Ein guter Tipp für den Sommer !
      Ich finde das Thema absolut faszinierend, weil es mir so unmöglich ist, mich in die Situation hineinzudenken. Ich schaffe es nicht, mich selbst zu sehen abstrahiert von der Tatsache, dass ich eine Frau bin. Daher kann ich mir einfach nicht vorstellen, wie es sein muss, sich im falschen Körper zu fühlen …..

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  2. Sehr gut beschrieben, sehr gut dass es Raum hat! Es ist einfach zu wichtig um es stillzuschweigen! Ein Leben ist zu kurz um nicht sein leben zu leben, da was für einen selbst stimmig ist!

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  3. ein Thema, dass immer wieder Diskussionen auslöst, alles Gute für dich

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  4. Eine sehr interessante Geschichte, die mich nachdenklich macht. Die von Dir beschriebene Person muss man einfach mögen und ich bewundere alle, die diesen Weg, ungeachtet der Hindernisse beschreiten.

    Bei uns in Dresden gibt es eine sehr bekannte Location, wo Transsexuelle auftteten. Die legen eine absolut beeindruckende Show hin, die so gar nicht dem ähnelt, was man gewohnt ist. Sie legen dort alle ihre Seiten offen: die positiven wie die negativen, ihre gesamte LebensArt und man muss sie einfach ins Herz schließen.

    Warum möchte man das Geschlecht von jemandem wissen – das ist eine überaus interessante Frage.
    Wir denken in Kategorien, sehr normorientiert. („So etwas von einer Frau/einem Mann?“) Das muss ja nichts Schlechtes sein.
    Auch geht es um „Orientierung“ – wir Menschen brauchen sie ….

    Letztendlich spielen auch Wertungen eine Rolle, denke ich. Können wir das auch mal loslassen – diesen Wunsch, alles einordnen zu wollen?
    Interessant … 😊

    Danke für den Beitrag!

    Herzliche Grüße
    Sylvia

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    • Das Thema hat viele Aspekte über die man nachdenken oder vielmehr nachfühlen kann ….
      Ich finde es zB sehr schwierig, wenn zwischenmenschliche Beziehungen sich einer genauen Normierung und Einordnung entziehen. Andererseits ist man achtsamer und offener in Situationen, die noch in keiner Schublade gelandet sind ….
      Herzliche Grüße in deine Richtung

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  5. Auch unter reinen Lesben gibt es immer wieder Diskussion, wenn es um Transsexuelle geht. Viele lehnen diese neuen Frauen ab. Vor allem, wenn noch ein Penis vorhanden ist. Und nicht jede lässt sich den abschneiden. Also wird das meist nix mit Lesben.

    Wie du schreibst, ist es weniger das Wissen, als vielmehr die Wahrnehmung der Person. „Hormone machen noch keine Frau“, so die Meinung. Mir ist zumindest ein Fall von Frau bekannt, die nun ein Mann geworden ist. Und das hat bei Balian (Yvonne) Buschbaum gut funktioniert. Google mal nach ihm. Den Typen finde sogar ich nett. Ohne Hintergedanken versteht sich.

    Was M. durchgemacht hat und vermutlich immer durchmachen wird, ist für andere kaum nachvollziehbar. Ihr Leidenssdruck war vermutlich noch höher, als der von Homosexuellen.

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